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Einstein und Archenhold:

Die Sternwarte möge ein Haus sein,
“von dem aus immer neues Licht hinausstrahlen und immer neue
Erkenntnisse ihren Weg zu jedem einzelnen im Volke finden mögen."

Friedrich Simon Archenhold, Das Weltall 9, 1908/09

ALBERT EINSTEIN UND FRIEDRICH SIMON ARCHENHOLD

Albert Einsteins erster populärwissenschaftlicher Vortrag über die Relativitätstheorie in Berlin.

Der Begründer und Direktor der Treptower Sternwarte, ab 1946 umbenannt in Archenhold-Sternwarte, Friedrich Simon Archenhold (1861-1939), hatte sich neben einer intensiven Forschungsarbeit (einen besonderen Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Forschung bildete die Sonne) der naturwissenschaftlichen Bildung gegenüber einer breiten Öffentlichkeit verschrieben. Dies versuchte er u. a. neben Ausstellungen durch öffentliche Vorträge in der Sternwarte zu erreichen. Obwohl er dabei einen großen Teil des öffentlichen Vortragsprogramms selbst durchführte, gelang es ihm, zahlreiche bekannte Wissenschaftler und Forscher zu Vorträgen in der Sternwarte zu gewinnen. Zu den Wissenschaftlern und Forschern, die Vorträge hielten, gehörten u. a. der Geologe Alfred Wegener (1880-1930), die Polarforscher Roald Amundsen (1872-1928) und Fridtjof Nansen (1861-1928) sowie der Raumfahrtpionier Hermann Oberth (1894-1989).

Friedrich Simon Archenhold, 1931

 

1 Friedrich Simon Archenhold, 1931

Der bedeutendste Gelehrte war aber zweifellos der Physiker Albert Einstein (1879-1955), der am Mittwoch den 2. Juni 1915 in dem großen Vortragssaal der Treptower Sternwarte seinen ersten öffentlichen Berliner Vortrag zur Relativitätstheorie hielt.

Programm der Treptow Sternwarte

2 Ausschnitt aus dem Programm der Treptower Sternwarte mit der Ankündigung von Albert Einsteins Vortrag, 2. Juni 1915

Einsteins Vortrag war unter dem Titel Relativität der Bewegung und Gravitation angekündigt worden und erfreute sich nach einem Bericht der Vossischen Zeitung in ihrer Abendausgabe vom 3. Juni 1915 einer "verhältnismäßig großen Zahl von Zuhörern". Von Einsteins Vortrag liegen uns keinerlei Schrift- oder Bilddokumente vor, so dass wir nur durch den Artikel in der Vossischen Zeitung ungefähr wissen was Einstein gesagt hat.


Vossische Zeitung 3. Juni 1915

Einsteins Relativitätsprinzip.
Vortrag in der Treptower Sternwarte.

   Wie es in der Mathematik keinen besonderen Königsweg gibt, so lassen sich auch die Einsichten in gewisse Grundfragen der Physik nicht ohne Kenntnis bestimmter naturwissenschaftlicher Tatsachen, nicht ohne Zuhilfenahme der Mittel der höheren Mathematik klar gewinnen. Was für das leibliche Auge das Mikroskop und das Fernrohr sind, das bedeuten in gewisser Beziehung Differential- und Integralrechnung für das geistige Auge. Will oder muß man auf diese Stützen verzichten, so kann man nicht erschöpfend erklären, sondern nur andeutend hinweisen.

   In dieser Zwangslage befand sich gestern Prof. Dr. Albert Einstein, das jüngste Mitglied unserer Akademie der Wissenschaften, als er vor einer verhältnismäßig großen Zahl von Zuhörern in der Treptower Sternwarte die „Relativität  der Bewegung und Gravitation“ erläutern wollte. Der Schöpfer oder Mitschöpfer des Relativitätsprinzips versuchte – unter Verzicht auf alle mathematischen Ableitungen – klarzulegen, wie Ort und Zeit nicht voneinander zu trennen, wie Längen und Zeiten vom Bewegungszustand abhängig sind; daraus folgt die Abhängigkeit gleicher Natur für alle daraus abgeleiteten anderen Begriffe. Es ist einleuchtend, daß wir von einer Bewegung erst dann eine rechte Vorstellung haben, wenn wir sagen, worauf sie bezogen ist. Erst dann kann die Bezeichnung Ruhe oder Bewegung einen Sinn haben. Es kann dabei gleichgültig sein, ob ein System selbst oder seine Umgebung in entgegengesetzter Richtung bewegt ist. Blicke ich vom Karussell aus auf einen Baum, so scheint sich dieser zu bewegen. Sitzt man in einem gut gefederten, ruhig fahrenden D-Zug, so ist es für gewöhnlich nicht möglich, zu bestimmen, ob man sich bewegt. Sieht man zum Fenster hinaus und erblickt einen zweiten Zug, so scheint der andere zu fahren. Nur Aenderungen der Geschwindigkeit, rasches Anfahren oder Bremsen bemerkt man, ferner Krümmungen der Bahn, da man durch die Zentrifugalkraft nach außen gedrückt wird. Auch die Bewegung der Erde in ihrer Bahn um die Sonne ist nicht mit unbedingter Sicherheit zu erkennen. Alle Bewegungen sind relativ.

   Einstein zeigt in einer auch dem Laien verständlichen Weise, wie man mit Hilfe eines sogenannten Koordinatensystems sich die Bewegung veranschaulichen kann. Mit genügender Annäherung kann man die Erde selber als ein solches Koordinatensystem wählen. Es bedarf keiner übermäßigen Ueberlegung, um zu begreifen, daß mit Bezug auf ein gegen das ursprüngliche Bezugsystem (Erdboden) gleichförmig bewegtes System (Wagen) die Gesetze des Geschehens die gleichen sind, wie mit Bezug auf das ursprüngliche System (Erde). Wir haben hier das Relativitätsprinzip der gleichförmigen Bewegung, das Relativitätsprinzip im engeren Sinne. Gilt es aber auch – so fragt Einstein weiter – für die ungleichförmige, für die beschleunigte Bewegung? Im ersten Augenblick wird man die Frage verneinen. Aber Einstein zeigt, indem er, von zwei verschiedenen Bezugssystemen aus, das Fallen von Körpern beobachtet, daß der Beschleunigung ebenso wenig eine unbedingte physikalische Bedeutung zukommt, wie der Geschwindigkeit (der gleichförmigen Bewegung). Dasselbe Bezugssystem ist mit gleichem Recht als beschleunigt oder als nicht beschleunigt anzusehen; je nach der gewählten Auffassung hat man dann aber ein Schwerefeld als vorhanden anzusetzen, das zusammen mit dem eventuellen Beschleunigungszustand des Systems die Relativbewegung freibeweglicher Körper gegen das Bezugssystem bestimmt. Fast unbewußt entschlüpfen dem Vortragenden, als er die Verhältnisse im beschleunigten System klarlegt und auf dessen Uebereinstimmung mit dem Schwerefeld (Gravitationsfeld) hinweist, Ausdrücke wie Potential. Wir fühlen, wie durch die Relativitätstheorie im weiteren Sinne auch die Newtonsche Gravitationstheorie erweitert wird.

   Gibt es nun einen Prüfstein für die Richtigkeit dieser Anschauungen? Der Lichtstrahl oder vielmehr seine Geschwindigkeit muß das Kriterium abgeben. Nicht nur im beschleunigten System, auch im Gravitationsfeld muß er gekrümmt verlaufen. Seine Ablenkung (Aberration) wird zwar sehr gering, aber immerhin unsichtbar sein.1) Aufnahmen von Sternen, die neben der Sonne erschienen, zur Zeit der Sonnenfinsternis, können Aufschluß geben. Freilich kann die Ablenkung nur außerordentlich klein sein, bei der Sonne 0,85 Bogensekunden, bei Jupiter gar nur 1/100 Bogensekunde. Mit Hilfe empfindlicher Apparate läßt sich aber eine solche Messung durchführen. Im Auftrage der Akademie der Wissenschaften sollte der Astronom Dr. Freundlich während der letzten Sonnenfinsternis solche Messungen durchführen. Aber der Krieg verhinderte diese Forscherarbeit, die für unsere Erkenntnistheorie nicht minder wichtig ist, als für die Fortentwicklung der Physik. Dr. Freundlichs kostbaren astronomischen Apparate wurden in Odessa beschlagnahmt, ruhen wahrscheinlich dank den „Kulturträgern des Ostens“ auf dem Meeresgrund. Aus Beobachtungen bei Sonnenfinsternissen Schlüsse über die Gültigkeit des Relativitätsprinzips zu ziehen, müssen wir uns vorläufig versagen.2) Aber eine andere optische Erscheinung, das sogenannte Dopplersche Prinzip, kann die Entscheidung liefern.

   Wenn es auch nur Andeutungen waren, die Einstein – in der knappen Spanne einer Stunde – geben konnte, so hatte es doch einen hohen Reiz, hineinzublicken in die Gedankenarbeit unserer modernen Physiker, zu sehen, wie sie unser Weltbild – wenn auch nicht einfacher – so doch einheitlicher gestallten wollen.                                     el.

Quelle: Vossische Zeitung, Donnerstag, 3. Juni 1915, Nr. 279, Abendausgabe

1) Richtig muss es „sichtbar“ heißen.
2)

 

Die am 29. Mai 1919 von dem Astronom Arthur Stanley Eddington (1882-1944) beobachtete Sonnenfinsternis bestätigte Einsteins Vorhersage der Lichtablenkung im Gravitationsfeld der Sonne, die er in seiner allgemeinen Relativitätstheorie postuliert hatte. Einstein wurde über Nacht berühmt. Der Mythos Albert Einstein war geboren.

Bemerkenswert ist, das Einstein bereit war, über seine aktuelle Forschungsarbeit vor einem Laienpublikum zu sprechen (die allgemeine Relativitätstheorie war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollendet). Dabei war er bemüht seine Gedanken verständlich, d.h. möglichst ohne Fachausdrücke und Formeln, zu erklären. Bereits am 26. April 1914 hatte Einstein in der Morgenausgabe der Vossischen Zeitung in einem längeren Artikel über die Grundgedanken der allgemeinen Relativitätstheorie mit dem Titel "Vom Relativitäts-Prinzip" in allgemein verständlicher Form berichtet. In diese Zeit fiel wahrscheinlich auch die Bekanntschaft zwischen Einstein und Archenhold, der in seiner von ihm herausgegebenen Zeitschrift Das Weltall bereits mehrere Artikel zu den Arbeiten Albert Einsteins veröffentlicht hatte.

Sternwarte mit Riesenfernrohr, 1909

3 Neubau der Treptow-Sternwarte mit Riesenfernrohr, 1909

Selbst nach Beginn der antisemitischen Hetzkampagnen gegen Einstein ließ Archenhold sich nicht von einer sachlichen Berichtserstattung über Einsteins Arbeiten abbringen. So erschienen in der Zeitschrift Das Weltall insgesamt bis 1933 ca. 30 Beiträge zur Relativitätstheorie und ihren Konsequenzen für die Astronomie.

So wurde auch der am 2. April 1922 uraufgeführte, fast ausschließlich aus Trickaufnahmen bestehende Film "Die Grundlagen der Einsteinschen Relativitätstheorie" von Hanns Walter Kornblum (1878-1970), mit einem begleitenden und erklärenden Vortrag mehrfach in der Treptower Sternwarte aufgeführt.

In der Zeit nach Einsteins Vortrag in der Treptower Sternwarte entwickelte sich zwischen Einstein und Archenhold ein kollegial- freundschaftliches Verhältnis. Sie begegneten sich u. a. bei den Sitzungen der Physikalischen Gesellschaft oder auch in Einsteins Wohnung in der Haberlandstraße 5 in Berlin. So berichtet Einsteins damalige Haushälterin, dass Archenhold oft anwesend war und ihr öfter Freikarten für Vorträge in der Sternwarte schenkte. Einstein und Archenhold besprachen und diskutierten neue und zukunftsweisende Projekte, wobei Archenhold erfolglos versuchte Einstein für diese zu gewinnen, so zum Beispiel für die große Mars-Ausstellung von 1926/27 in der Sternwarte. Einstein, mittlerweile zu einer berühmten Person geworden, erkannte, dass es Archenhold eher um seinen populären Namen ging. Seine Ablehnung kommentierte er mit den Worten, dass er nicht "überall als symbolischer Leithammel mit Heiligenschein" auftreten möchte.
Einstein und Archenhold verband neben gemeinsamen humanistischen Zielen auch der Wunsch nach der Popularisierung der Wissenschaft. Vielleicht spielten auch ihre gemeinsamen jüdischen Wurzeln ein Rolle. Leider stehen uns heute nur wenige Dokumente und Briefe zur Verfügung aus denen man Näheres über die Beziehung der beiden erfahren kann.

Friedrich Simon Archenhold starb am 14. Oktober 1939 kurz nach seinem 78. Geburtstag in Berlin. Mit dem Machtantritt der Nazis begann auch die Vertreibung seiner jüdischen Familie. Archenholds Frau und Mitarbeiterin Alice sowie seine Tochter Hilde kamen im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben. Die Söhne Günter und Horst konnten nach England emigrieren. Im Dezember 1932 verließ Albert Einstein mit seiner Familie Deutschland für immer. Er fand eine neue Heimat in Princeton, New Jersey, USA.

 

Anlässlich des 100. Geburtstages von Albert Einstein erhielt der große Vortragssaal der Archenhold-Sternwarte, in dem Einstein am 2. Juni 1915 seinen ersten öffentlichen Berliner Vortrag zur Relativitätstheorie gehalten hatte, in einer Feierstunde am 15. März 1979 den Namen Einstein-Saal. Gleichzeitig wurde neben dem Eingang des Saales eine bronzene Gedenktafel, geschaffen von dem Berliner Bildhauer und Bronzegießer Hans Füssel (1897-1989), enthüllt.

In der Feierstunde, an der u.a. der Bezirksbürgermeister, der Stadtrat für Kultur sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teilnahmen, hielt der damalige Direktor der Archenhold-Sternwarte, Dr. Dieter B. Herrmann, eine Ansprache über "Einstein, Archenhold und die Popularisierung der Naturwissenschaften". Der theoretische Physiker und Astrophysiker Prof. Dr. Hans-Jürgen Treder (1928-2006) sprach das Grußwort.

 

 

Gedenktafel am Eingang zum Einstein-Saal
 

 

4 Gedenktafel am Eingang zum Einstein-Saal der Archenhold-Sternwarte, 1979

Bildernachweis:
Mit freundlicher Genehmigung der Archenhold-Sternwarte Berlin-Treptow: Abb. 1, 2, 3, 4

Literaturnachweis:    
Dieter B. Herrmann Blick in das Weltall
Die Geschichte der Archenhold-Sternwarte
Berlin 1994
Dieter B. Herrmann Einstein und Archenhold: zwei Vorkämpfer für die
Popularisierung der Naturwissenschaften
Weinheim 2005
Vossische Zeitung,
Morgen-Ausgabe
Albert Einstein: Vom Relativitäts-Prinzip 26. April 1914
Vossische Zeitung,
Abend-Ausgabe
Einsteins Relativitätsprinzip.
Vortrag in der Treptower Sternwarte.
3. Juni 1915
Friedrich Herneck Einstein privat
Herta W. erinnert sich an die Jahre 1927 bis 1933
Berlin 1978
Hrsg. A. J. Kox, u.a. The Collected Papers of Albert Einstein, Volume 6 Princeton 1996
Wolfgang H. Günzel Berliner Bronzen Brücken Bauten
Geschichten aus dem Leben des Berliner Metallbildhauers und Bronzegießers Hans Füssel
Berlin

 


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