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Rede des "Public Orators" der Universität Oxford:

"Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen."

Aus Albert Einsteins "Glaubensbekenntnis", 1932

UNIVERSITÄT OXFORD - REDE DES "PUBLIC ORATORS", 1931
 

Im Mai 1931 reiste Albert Einstein nach England um der ehrenvollen Aufgabe nachzukommen, in Oxford die Rhodes Lectures (Cecil Rhodes, englischer Politiker, 1853-1902) zu halten. Während seines Aufenthaltes erhielt er von der im 12. Jahrhundert gegründeten Universität Oxford, am Samstag den 23. Mai 1931, die Ehrendoktorwürde (Dr. h .c.) der Naturwissenschaften. Der "Public Orator" der Universität hielt traditionsgemäß seine Ansprache in Latein. Er sagte:
 

"Et mensis hic Maius et dies hic paene anniversarius solis illum defectum in mentem nobis revocat, cum lucis ex radiis experimento capto astra undique in eis caeli stationibus deprensa sunt, quas vir hic illustrissimus praedixerat. Atque utinam Mercurius hodie adesset, ut, cuius est eloquentiae, vatem suum laudaret! Quamquam quid laudatore hic opus est? Naturae enim verique auctorem videtis, cui mentem suam ad mundi contemplationem attollere auso, cum eam quam contemplatus erat speciem ratione Pythagorea firmaret, ipsa Natura in media quasi calculorum silva 'sese tulit obvia et vera incessu patuit dea'. Quibus indiciis diva confirmarit nec tempus per se esse nec spatium, neque quicquam omnino absolutum nisi temporis ac spatii Continuum, idque inflexum; quo iam perventum sit quove perveniri possit ab iis mortalibus qui tanti numinis impressa vestigia sequantur, neque res aut motus caelestes terrestribus modulis metiantur, haec omnia nos (quae est Academiae felicitas) nostrum hunc hospitem patrio suo sermone bis iam praelegentem audivimus et hodie perorantem audituri sumus. Eam nobis doctrinam interpretatur, quae et nomine suo et re ipsa significet se terrae caelique interpretem esse. Adeo quae circum nos dextra laevaque, rursum prorsum, sursum deorsum in spatio geruntur, sub specie nostrae velocitatis contueri nos iubet. Quae doctrina, ut Physicorum legibus non obrogat, sed id tantum adicit cuius momentum desiderabant, ita ad summam philosophiam aperte spectat. Neque iniucunda est nobis Oxoniensibus, minime Euclideae mentis hominibus, qui ab Heraclito didicimus neminem posse bis eodem flumine pedem suum tinguere, sed ne semel quidem; qui libenter credimus Epicureorum illud clinamen non esse rem pueriliter fictam; qui denique Platonis Timaeum legentes rationem mathematicam et magis constantem et rebus ipsis magis convenientem desideravimus. Hanc qui tandem ad homines detulit, insigne nostri saeculi decus, vobis praesento, Albertum Einstein, Scientiae Physicae in Universitate Berolinensi Professorem, ut admittatur ad gradum Doctoris in scientia honoris causa."

Quelle: Oxford University Gazette, 3. Juni 1931. Mit freundlicher Genehmigung der Universität Oxford.
 

Übersetzung:
 

"Sowohl der Monat Mai als auch dieser Quasi-Jahrestag bringen uns jene bekannte Sonnenfinsternis in Erinnerung, bei der durch die Berechnung von Lichtablenkung Gestirne in jenen Teilen des Firmaments entdeckt worden sind, die dieser hoch verehrte Mann im voraus bestimmt hatte. Wäre heute Mercurius anwesend, würde er selbstverständlich mit der ihm eigenen Beredsamkeit seinen Dichter zu loben! Und dennoch: Unser Mann benötigt überhaupt keinen Lobredner. Vor euch steht ein Gewährsmann der Natur und des Wahren. Ihm, der es gewagt hatte, seinen Verstand auf die Betrachtung der Welt auszurichten, erschien die Natur selbst mitten im Dschungel der Berechnungen als „eine wahre Göttin, die ihm entgegen schritt“, da sie auf pythagoreische Art seine Entdeckungen bestätigte. Die Göttin hat bezeugt, dass weder die Zeit noch der Raum oder irgendetwas überhaupt für sich absolut existiert, sondern nur das einmal begonnene Kontinuum von Raum und Zeit. Wohin man bereits gekommen ist oder wohin jene gelangen können, die den Spuren eines so hohen Geistes folgen sowie die Tatsache, dass nicht die himmlischen Objekte oder Bewegungen mit irdischen Maßeinheiten gemessen werden dürfen, das alles hat er uns - zur Freude unserer Akademie - bereits zweimal in seiner Muttersprache vorgelesen. Heute werden wir ihn in einem freien Vortrag hören. Er übersetzt uns jene Lehre, die von ihrem Namen und von der Sache selbst her darauf hindeutet, dass sie Deuterin des Himmels und der Erde ist, die uns sogar anleitet, aus unserer Geschwindigkeit heraus das alles zu betrachten, was um uns, links und rechts von uns, vor und hinter uns sowie über und unter uns sich ereignet. Diese Lehre, da sie die Gesetze der Physik nicht aufhebt, sondern ihr tiefere Dimensionen verleiht, eignet sich den höchsten philosophischen Betrachtungen sehr. Dies erfreut uns, die Angehörigen der Universität Oxford, gar sehr, da wir nicht gemäß den euklidischen Prinzipien denken und von Heraklit gelernt haben, dass man nicht zweimal den Fuß in den selben Fluss eintauchen kann, sondern nur einmal. Wir glauben darüber hinaus gerne, dass jene Neigung der Epikuräer keine kindliche Fiktion ist und wünschen schließlich nach der Lektüre des Timäus von Plato eine mathematische und beständigere sowie den Dingen selbst angemessenere Erklärung. Ich stelle euch nun die Person vor, die den Menschen diese Lehre gebracht hat: die Zierde unseres Jahrhunderts, Albert Einstein, Professor für Physik an der Universität Berlin, dem der Grad des Doktors honoris causa erteilt werden soll."


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