Einstein und die Kaiserlich Deutsche Akademie der Naturforscher zu Halle, Leopoldina:

"Es gereicht mir zur ganz besonderen Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, daß Sie in der gestrigen Sitzung der halleschen Mitglieder der Deutschen Akademie der Naturforscher, im Gedenken an den 100. Todestag von Wolfgang von Goethe, der Mitglied unserer Akademie war, zum Mitglied ernannt worden sind, im Gedenken an Ihre, eine neue Zeit auf dem Gebiete physikalischer Forschungen und Denkweise bestimmenden, grundlegenden Arbeiten. Ich bitte um Mitteilung, ob Sie die Wahl annehmen.“

Emil Abderhalden (1877-1950) an Albert Einstein, 12. März 1932
 

EINSTEIN UND DIE KAISERLICH DEUTSCHE AKADEMIE DER NATURFORSCHER ZU HALLE, LEOPOLDINA

Eine kurze Geschichte der Akademie

Am 1. Januar 1652 wurde die Deutsche Akademie der Naturforscher, Leopoldina, als naturwissenschaftliche - medizinische Gesellschaft in Schweinfurt gegründet. Die Gründungsmitglieder dieser privaten Gesellschaft waren die Mediziner Johann Laurentius Bausch (1605-1665), Johann Michael Fehr (1610-1688), Georg Balthasar Metzger (1623-1687) und Georg Balthasar Wohlfarth (1607-1674). Erster Präsident wurde J. L. Bausch. Gegründet wurde sie, um naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu vertiefen sowie die Kommunikation unter den Naturwissenschaftlern und im Besonderen unter den Medizinern zu verbessern. Ab 1670 gab die Akademie die erste naturwissenschaftlich - medizinische Zeitschrift der Welt heraus. 1677 erkannte Kaiser Leopold I. (1640-1705) die Akademie offiziell an und zehn Jahre später erhielt sie die Privilegien einer "Reichsakademie". Auch geht der Name der Akademie auf Leopold  I. zurück. Sie durfte sich ab 1687 "Sacri Romani Imperii Academia Caesareo-Leopoldina Naturae Curiosorum", kurz Leopoldina, nennen. Über viele Jahre wechselte der Sitz der Akademie immer wieder. Dieser Ortswechsel lag in den Statuten der Akademie begründet, demnach sich der Sitz an dem Wohnort des jeweiligen Präsidenten befinden sollte. Ab 1878 wurde Halle an der Saale mit dem Präsidenten, dem Physiker Carl Hermann Knoblauch (1820-1895), ständiger Sitz der Akademie. Im Juli 2008 wurde die Leopoldina zur Nationalen Akademie der Wissenschaften ernannt.

Die Leopoldina ist heute die älteste noch existierende naturwissenschaftliche - medizinische Gelehrteneinrichtung der Welt. Sie "sieht ihre wesentlichen Aufgaben in der Förderung der Wissenschaft, in der Pflege des interdisziplinären Austausches und der Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie in der Beratung von Gesellschaft und Politik in aktuellen Fragen der Wissenschaft und Wissenschaftspolitik." Dies "unter anderem durch Veranstaltung wissenschaftlicher Versammlungen, Veröffentlichung der erarbeiteten Ergebnisse, Unterhaltung eines wissenschaftlichen Archivs und einer wissenschaftlichen Bibliothek, Verleihung von Auszeichnungen und Preisen unter anderem zur Förderung junger Wissenschaftler."

Die Mitglieder der Akademie sind Gelehrte aus aller Welt mit einem Präsidenten an deren Spitze. Für Naturwissenschaftler gilt es als eine der höchsten Auszeichnungen, in die Deutsche Akademie der Naturforscher, Leopoldina, gewählt zu werden. Die Wahl erfolgt durch das Präsidium, das sich dazu nach einer vom Senat zu beschließenden Wahlordnung erweitern kann. Jeder, der in die Akademie gewählt wird, muss eine kurze Selbstbiographie mit einem Porträtbild zur Verfügung stellen, ergänzt durch eine Liste seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Für jedes gewählte Mitglied wird eine Matrikelmappe angelegt. Nach der Wahlannahme wird das neue Akademiemitglied in das Matrikelbuch der Akademie eingetragen. Das jeweilige Porträtbild wird in den Bestand der umfangreichen Bildsammlung des Archivs übernommen. Alle neuen Mitglieder werden als ordentliche Mitglieder geführt.

Viele angesehene und bedeutende Gelehrte, darunter viele Nobelpreisträger, waren bzw. sind Mitglieder der Akademie, so z. B. Ernst Abbé, Niels Bohr, Carl Bosch, Marie Curie, Paul Dirac, Enrico Fermi, Walther Gerlach, Johann Wolfgang von Goethe, Fritz Haber, Ernst Haeckel, Otto Hahn, Werner Heisenberg, Gustav Hertz, Alexander von Humboldt, Max von Laue, Konrad Lorenz, Lise Meitner, Robert Millikan, Fridtjof Nansen, Linus Pauling, Max Planck, Lord Ernest Rutherford, Werner von Siemens, Viktor Weisskopf und Albert Einstein.

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Albert Einstein und die Kaiserlich Deutsche Akademie der Naturforscher zu Halle, Leopoldina

Am 17. März 1932 wurde Albert Einstein in die Kaiserlich Deutsche Akademie der Naturforscher zu Halle aufgenommen, und zwar auf Vorschlag eines Mitgliedes des Präsidiums der Akademie, des Experimentalphysikers Gerhard Hoffmann (1880-1945), der dies mit Einsteins wissenschaftlichen Leistungen, seinen Mitgliedschaften in anderen Akademien, den empfangenen Ehrungen sowie dem Nobelpreis begründete.

Bereits 1926 hatte Einstein u. a. neben Max von Laue, Otto Hahn und Lise Meitner auf der Vorschlagsliste für neue Mitglieder gestanden. Die drei Letztgenannten und andere wurden gewählt, Albert Einstein jedoch nicht. Aus den heute noch vorhandenen Unterlagen lässt sich kein eindeutiger Grund dafür angeben. Dass er übergangen wurde, war sicher kein Zufall. Antisemitismus alleine kann es aber nicht gewesen sein, denn neben Lise Meitner wurden 1926 weitere Gelehrte jüdischer Abstammung gewählt. Vielleicht aber war es Einsteins öffentliches Auftreten gegen den Militarismus und Chauvinismus, das bei einem konservativ beeinflussten Präsidium mit dem Geologen und Paläontologen Johannes Walther (1860-1937) an deren Spitze nicht erwünscht war. Auch ist es möglich, dass politische Rücksichten auf die Gegner von Einsteins Relativitätstheorien genommen wurden.

Johannes Walther folgte 1932 der Schweizer Physiologe und Biochemiker Emil Abderhalden (1877-1950) als Präsident der Akademie, die er von Grund auf reorganisierte. Seine Rolle im "Dritten Reich" ist umstritten. Abderhalden unterstütze den Wahlvorschlag Hoffmanns, Einstein in die Akademie aufzunehmen. Er war sich aber der Peinlichkeit bewusst, den von der Akademie 1926 verschmähten Einstein nun zu bitten, die Wahl anzunehmen. In seinem Brief vom 12.3.1932 schrieb er:

"... Es gereicht mir zur ganz besonderen Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, daß Sie in der gestrigen Sitzung der halleschen Mitglieder der Deutschen Akademie der Naturforscher, im Gedenken an den 100. Todestag von Wolfgang von Goethe, der Mitglied unserer Akademie war, zum Mitglied ernannt worden sind, im Gedenken an Ihre, eine neue Zeit auf dem Gebiete physikalischer Forschungen und Denkweise bestimmenden, grundlegenden Arbeiten. Ich bitte um Mitteilung, ob Sie die Wahl annehmen.“

Handschriftlich ausgefüllter Fragebogen Einsteins (Ausschnitt)
 
 

Nachdem Einstein die Wahl angenommen hatte (leider ist die schriftliche Zusage Einsteins verloren) wurde er von Abderhalden aufgefordert, wie bei der Aufnahme in die Akademie üblich, eine Selbstbiographie und ein Portraitfoto zur Verfügung zu stellen. Gerne kam Einstein dieser Aufforderung nach. Die Selbstbiographie und die Beantwortung der Fragen führte er handschriftlich aus. Einstein erhielt die Matrikel-Nummer 3879.

Während Einsteins Matrikelmappe als verloren gelten muss, befindet sich der von Einstein handschriftlich ausgefüllte Fragebogen mit Angaben zu seinem  Lebenslauf und seinem wissenschaftlichen Werk heute im Archiv der Leopoldina.

1 Handschriftlich von Albert Einstein ausgefüllter Fragebogen
     (Ausschnitt) anlässlich seiner Aufnahme in die Akademie, 1932
 
Leopoldina-Archiv, Bestand M 1 Matrikel, 3879

 


Transkription von Einsteins Fragebogen, 1932  (ca. 160 kByte)
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Einsteins Mitgliedschaft in der Kaiserlich Deutschen Akademie der Naturforscher zu Halle, Leopoldina, sollte nicht lange dauern.

Albert Einstein, der seit 1914 ordentliches Mitglied der Berliner und seit 1927 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie war, hatte sich zum Zeitpunkt der Machtergreifung öffentlich zur politischen Entwicklung in Deutschland geäußert und war aus der Berliner Akademie ausgetreten. Als ihn daraufhin der Vorstand der Bayerischen Akademie um eine persönliche Stellungnahme bat, antwortete Einstein am 21. April 1933 aus dem belgischen Ferienort Le Coq-sur-Mer, die Gründe für sein Ausscheiden aus der Preußischen Akademie würden „an und für sich“ eine Lösung seiner Beziehungen zur Bayerischen Akademie nicht bedingen. Dennoch wünsche er, aus der Mitgliederliste gestrichen zu werden. In dem Brief an die Bayerische Akademie der Wissenschaften schreibt Einstein:

"... Wenn ich trotzdem wünsche, daß mein Name aus der Liste der Mitglieder gestrichen wird, so hat dies einen anderen Grund: Akademien haben in erster Linie die Aufgabe, das wissenschaftliche Leben eines Landes zu fördern und zu schützen. Die deutschen gelehrten Gesellschaften haben aber - soviel mir bekannt ist - es schweigend hingenommen, daß ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Gelehrten und Studenten sowie der auf Grund einer akademischen Ausbildung Berufstätigen ihrer Arbeitsmöglichkeit und ihres Lebensunterhaltes in Deutschland beraubt wird. Einer Gesellschaft, die - wenn auch unter äußerem Druck - eine solche Haltung einnimmt, möchte ich nicht angehören."

Umschlag von "Deutsche Physik", Band 2

Auch die Gelehrtengesellschaft Leopoldina in Halle a. d. Saale hatte Einstein bereits Anfang 1933 ausgeschlossen, dies Einstein aber nicht mitgeteilt! Warum Einstein aus der Mitgliederliste gestrichen wurde, bleibt offen. Das öffentliche Auftreten Einsteins, seine jüdische Abstammung sowie der Einfluss der Gegner von Einsteins Relativitätstheorien, den Vertretern der "Deutschen Physik", mögen Gründe zur Streichung gewesen sein. Im Matrikelbuch findet sich unter der Matrikelnummer 3879 nur der handschriftliche Bleistifteintag "gestrichen". Im Mitgliederverzeichnis von 1933 fehlt Einsteins Name. Von wem Einstein die Streichung aus der Mitgliederliste der Leopoldina erfahren hat, ist nicht bekannt; vielleicht von seinem Freund Max von Laue. Die Druckschriften der Akademie erhielt Einstein aber weiterhin. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versucht wurde, wieder Kontakt mit Einstein aufzunehmen (er lebte und lehrte in den USA), wollte dieser 'nichts mehr mit Deutschen zu tun haben, auch nichts mit einer relativ harmlosen Akademie'.

Im März 1954 erhielt Einstein in Princeton ein Glückwunschschreiben der Leopoldina anlässlich seines 75. Geburtstages. Er antwortete mit einer gedruckten, von ihm unterschriebenen Dankeskarte.

Im gedruckten Mitgliederverzeichnis von 1955 findet sich wieder Einsteins Name, hier auf der Liste der Verstorbenen. Einstein war am 18. April 1955 in Princeton gestorben.

2 Umschlag von Band 2 des vierbändigen Lehrbuchs "Deutsche Physik" von Philipp Lenard

 

Bildnachweis:
Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina  Externer Link: Abb. 1
Archiv des Autors, Hans-Josef Küpper, Köln: Abb. 2

Literaturnachweis:

   
Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina Festgabe zur Jahresversammlung 1979/80 RAUM UND ZEIT
ACTA HISTORICA LEOPOLDINA, Nr. 14
Halle/Saale 1980
Karsten Jedlitschka Das Archiv der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina ACTA HISTORICA LEOPOLDINA, Supplement 4 Halle/Saale 2007
Sybille Gerstengarbe,
Benno Parthier
Albert Einstein - Akademiemitglied in der Leopoldina
scientia halensis 3/2005
2005
     
 

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